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Ein Bildersturm in Manchester

In den letzten Tagen ging die Aktion weltweit durch alle Medien: Die Manchester Art Gallery hatte eines ihrer bekanntesten Bilder, „Hylas and the Nymphs“ (1896) von John William Waterhouse, abgehängt, um eine Debatte über die politisch unkorrekte Kunst des Viktorianischen Zeitalters zu provozieren. Die Aufregung über diesen Bildersturm in Manchester war groß und die Reaktionen überwiegend negativ, und so hängt das anstößige Gemälde seit letztem Sonnabend wieder an seinem angestammten Platz. Was war da los?

Bildersturm in Manchester
John William Waterhouse: „Hylas and the Nymphs“ (1896). Das Bild befindet sich im Besitz der Manchester Art Gallery und ist dort neben anderen Werken des 19. Jahrhunderts im Saal „In Pursuit of Beauty“ ausgestellt.

Die Manchester Art Gallery verfügt über eine umfangreiche Sammlung bildender Kunst vom 15. Jahrhundert bis heute; ein Schwerpunkt liegt bei der Kunst des Viktorianischen und Edwardianischen Zeitalters. Ein Saal ist dem Thema „In Pursuit of Beauty“ gewidmet, was man als „Das Streben nach Schönheit“ übersetzen kann, und so wird es ursprünglich auch gemeint gewesen sein. Im Kontext der aktuellen #MeToo-Debatte könnte man bei dieser Formulierung aber auf die Idee kommen, die Künstler wollten schönen Frauen nachstellen. Eines der Bilder in diesem Saal ist „Hylas and the Nymphs“ von John William Waterhouse (1849–1917), vermutlich das bekannteste seiner Werke und ein besonders populäres Bild der Manchester Art Gallery. Entsprechend irritiert reagierten die Besucher, als sie am 27. Januar 2018 statt des Gemäldes nur eine angepinnte Nachricht fanden, dass es für eine unbestimmte Zeit aus der Ausstellung entfernt worden sei:

Bildersturm in Manchester
Am 27. Januar war das Waterhouse-Gemälde plötzlich aus der Manchester Art Gallery verschwunden. Stattdessen forderte eine Wandzeitung dazu auf, über das problematische Frauenbild in der viktorianischen Kunst zu diskutieren und seine Meinung auf Post-its zu äußern.

Nicht nur das Original selbst war verschwunden; auch aus dem Museumsshop waren Postkarten und andere Drucke mit diesem Motiv verbannt. Hinter dieser Aktion steckte neben der (eigentlich für zeitgenössische Kunst zuständigen) Kuratorin Clare Gannaway die Künstlerin Sonia Boyce, der in diesem Jahr eine Ausstellung gewidmet sein wird.


Warum der Bildersturm?


Clare Gannaway machte ihr Unbehagen mit diesem Teil der Ausstellung deutlich: „Mir persönlich ist es peinlich, dass wir uns nicht schon früher damit auseinandergesetzt haben. Unsere Aufmerksamkeit lag anderswo … Wir haben alle vergessen, hier hinzuschauen und gründlich darüber nachzudenken.“ Wenn man sich vor allem um Neuerwerbungen zeitgenössischer Kunst und um die Konzeption von Sonderausstellungen kümmert, dann gerät die Sammlung selbst leicht aus dem Blickfeld. In den Sälen mit Schinken aus dem 19. Jahrhundert wird noch regelmäßig Staub gewischt und man schaut, dass nichts weg kommt, aber man beschäftigt sich nicht mehr damit. Wenn ein Museum aber keine bloße Schatzkammer sein soll, muss man auch die Sammlung immer wieder neu betrachten und neu kontextualisieren, die ausgestellten Bilder ebenso wie die Bestände im Magazin. Das ist die Aufgabe der Kuratoren, und wenn sie ihren Job gut machen, können auch regelmäßige Besucher immer wieder neue Aspekte und überraschende, früher nicht so gesehene Bezüge zwischen den Werken entdecken.

Die Manchester Art Gallery hat sich das zu leicht gemacht. In der Wandzeitung, die das Verschwinden des Waterhouse-Gemäldes erklären sollte, hieß es, die Bilder in diesem Saal würden den weiblichen Körper entweder als passiv-dekorative Figur oder als Femme fatale präsentieren, und dieser „viktorianischen Fantasie“ müsse man entgegentreten. Nun ist diese Charakterisierung der viktorianischen Kunst zwar übermäßig vereinfacht, aber auch nicht völlig falsch. Ein Museum, das die Kunst dieser Epoche zeigen will, darf sie jedoch nicht verfälschen und beschönigen; es muss die Menschen früherer Jahrhunderte mit ihren Fehlern und Seltsamkeiten präsentieren, keine reingewaschene, alternative Geschichte, wie diese Zeit hätte sein können, wären die Viktorianer nur schon so aufgeklärt wie die Intellektuellen des 21. Jahrhunderts gewesen.

Die Reaktionen auf die Entfernung des Gemäldes waren weit überwiegend negativ, und sie kamen nicht nur von den Besuchern, sondern auch von Kunstinteressierten aus aller Welt, die sich auf der Website des Museums zu Wort meldeten. Oft wurde der Vorwurf der Zensur erhoben; in den Kommentaren wurde kritisiert, man wolle den Betrachtern vorschreiben, wie ein Kunstwerk zu interpretieren sei. Amanda Wallace, die kommissarische Direktorin des Museums, entschied sich daraufhin, zur Schadensbegrenzung die von manchen als „publicity stunt“ beschriebene Aktion abzubrechen – am 3. Februar kehrte „Hylas and the Nymphs“ an seinen Platz zurück.

Die Debatte soll nach dem Willen der Museumsleitung weitergehen, und in der Tat gibt es keinen Mangel an Themen. Man muss sich nur mit dem Bild und seinem Sujet auseinandersetzen, statt es zu verbannen, weil es eine heute als anstößig empfundene Mentalität einer vergangenen Zeit spiegelt.


Der Künstler: John William Waterhouse


John William Waterhouse wird meist als Präraffaelit bezeichnet und gerade „Hylas and the Nymphs“ als typisches Werk dieser Künstlergruppe angeführt; tatsächlich ist er aber eher als Epigone anzusehen. Als William Holman Hunt, John Everett Millais und Dante Gabriel Rossetti 1848 die Präraffaelitische Bruderschaft gründeten, war Waterhouse noch gar nicht geboren. Als Maler orientierte sich Waterhouse zunächst am süßlichen Akademie-Kitsch eines Lawrence Alma-Tadema oder Frederic Leighton. Erst später wandte er sich der Kunstrichtung der Präraffaeliten und insbesondere der von Edward Burne-Jones vertretenen Richtung zu. Im Vergleich zu Burne-Jones’ Werk wirken Waterhouse’ Bilder glatt und gefällig, aber sein unbestreitbares Talent bewahrte ihn davor, in den Kitsch abzugleiten.

Die sieben Nymphen in „Hylas and the Nymphs“ sind nackt, wie es die Art dieser griechisch-römischen Naturgottheiten ist. Waterhouse war allerdings kein Maler, der Mythologie und Geschichte auf Anlässe zu erotischen Darstellungen hin durchkämmte – die Frauen in seinen Gemälden sind sonst meist züchtig gekleidet. Dasselbe gilt für die Präraffaeliten, denen er nacheiferte, denn trotz sexueller Ausschweifungen mit Geliebten (und Ehefrauen der Malerfreunde) im Privatleben malten diese ihre Verführerinnen zumeist in hochgeschlossenen Kleidern. Der Kunstkritiker John Ruskin (1819–1900), der zum Fürsprecher und Theoretiker der Präraffaeliten wurde, trieb das problematische Verhältnis des Viktorianers zur Sexualität auf die Spitze: Ruskins Vorstellung vom weiblichen Körper hatte auf Studien griechischer und römischer Statuen beruht, und als er in seiner Hochzeitsnacht mit Effie Gray zum ersten Mal eine echte Frau mit bis dahin unbekannten Details wie Schamhaaren sah, schwor er dem Sex für immer ab. (Nicht so seine Frau, die sich dem Maler John Everett Millais zuwandte und die Ehe mit Ruskin annullieren ließ.)


Das Bild und seine Geschichte


Die Szene, die „Hylas and the Nymphs“ darstellt, stammt aus der Argonautensage der griechischen Mythologie. Autoren wie Apollonios von Rhodos (295–215 v. Chr.) beschrieben den Zug der Argonauten nach Kolchis, wo sie das Goldene Vlies rauben wollten, und dieser Gruppe schloss sich auch Herakles an. Herakles wurde vom jungen Hylas begleitet, der oft euphemistisch als sein „Gefährte“ bezeichnet wird. Dahinter verbirgt sich die Gewohnheit von Griechen (und später auch Römern) der Oberschicht, neben der unvermeidlichen Ehe sexuelle Beziehungen zu heranwachsendenden Jungen zu unterhalten. Solche Beziehungen, die nach heutigem Verständnis als Kindesmissbrauch qualifiziert würden, erschienen griechischen wie römischen Autoren als völlig normal. Es gibt jedoch keinen Grund zu der Annahme, echte pädophile Neigungen wären in der Antike verbreiteter als heute gewesen. Die Verklärung homosexueller Pädophilie hatte wenig mit der angeborenen sexuellen Orientierung zu tun, sondern beruhte auf einer verbreiteten Misogynie. In der griechischen und römischen Antike war die Frau rechtlos; als Ehefrau wurde sie benötigt, um Nachkommen zu gebären, aber sie galt nicht als attraktiver Sexualpartner.

Erst in diesem Zusammenhang ergibt die Begegnung von Hylas mit den Quellnymphen ihren Sinn. Die Nymphen verführten und entführten ihn, der bis zu diesem Moment nur den sexuellen Missbrauch durch Herakles kannte. Nachdem Hylas mit den Nymphen in deren Welt verschwunden war, suchte ihn Herakles lange Zeit verzweifelt und verpasste darüber die Abfahrt der Argonauten nach Kolchis. In „Hylas and the Nymphs“ geht es also weder um einen Mann, der jungen Frauen nachstellt und sie bedrängt, noch sind die Nymphen als bedrohliche, Männer in ihr Verderben ziehende Femmes fatales anzusehen. Die Sexualität der Nymphen ist gewissermaßen unschuldig; sie ist nicht besitzergreifend und sie entspringt auch nicht dem Wunsch nach Reproduktion. Dennoch gibt es hier einen Täter, aber dieser „sexual predator“ bleibt unsichtbar – es ist Herakles, der Hylas gewohnheitsmäßig missbraucht hatte. Und Herakles ist in jeder Hinsicht der Verlierer dieser Geschichte: Sein „Gefährte“ kann sich ihm entziehen und die Abenteuer der Argonauten finden ohne ihn statt.


Ein Bildersturm in Manchester: Fragen und Antworten


Die Wandzeitung, die Waterhouse’ Gemälde ersetzen sollte, denunzierte nicht nur die viktorianische Kunst, sie forderte die Museumsbesucher auch auf, sich bestimmte Fragen zu stellen: „Wie können Kunstwerke zu uns in einer aktuellen, relevanten Weise sprechen? Welche alternativen Geschichten könnten diese Kunstwerke und die dargestellten Personen erzählen?“ Antworten auf solche Fragen findet man nicht, indem man die Viktorianer klischeehaft abqualifiziert. Die Geschichte von Hylas, Herakles und den Nymphen sowie deren Rezeption von der Antike über das 19. Jahrhundert bis heute ist spannend genug; die Beschäftigung damit lohnt sich. Rabiate Aktionen wie der Bildersturm in Manchester sind dagegen ein Armutszeugnis für Kuratoren, denen zu Kunstwerken früherer Jahrhunderte nicht mehr einfällt, als dass weder die abgebildeten Protagonisten noch die Künstler heutigen Ansprüchen an korrektes Verhalten gerecht werden.

Michael J. Hußmann
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